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Randi Gunzenhäuser: Angelika Boeck - Plots

The literary scholar describes the audio installation 'Plots'.

Angelika Boeck - Plots

Im Englischen bedeutet „plot“ sowohl „Handlungsverlauf (eines Dramas)“ als auch „Komplott, Verschwörung“, aber auch „Standort“. Es geht bei dieser Arbeit also um die verschiedensten Versionen dreier heterosexueller Liebesgeschichten, die sich jede Erzählerin und jeder Erzähler, ob sie nun Teil der Beziehung oder völlig Unbekannte sind, zurechtlegen. Geschichten von der Liebe üben eine besondere Faszination auf uns aus, verbinden sie doch besonders offensichtlich private und kulturelle Wahrnehmung. Durch das Erzählen erwirbt sich jede Person einen Anteil am Geschehen, nimmt gegenüber den AusstellungsbesucherInnen Erzählraum ein und verschafft so seiner Erzählversion Autorität.

Die Versuchsanordnung macht sich die Vieldeutigkeit des Begriffes „plot“ zunutze: Ausgangspunkt sind die jeweils zwei Versionen einer Liebesgeschichte, wie sie jede(r) der PartnerInnen, getrennt vom jeweils anderen, erzählt. Insgesamt wurden drei Paare nach ihrer individuellen Version der gemeinsamen Beziehungsgeschichte befragt. Angelika Boeck bat jeden Partner und jede Partnerin, Wendepunkte in der gemeinsamen Beziehung zu schildern. Die gekürzten Schilderungen gab sie anschließend an zwei Autoren und zwei Autorinnen pro Paar weiter, die aufgrund dieses Materials fiktive Abfolgen von Szenen schrieben. Die Ausgangserzählungen und die bearbeiteten Szenen dienten als Textmaterial für die Installation.

Jedem Tisch ist ein Paar Kopfhörer zugeordnet, das übergestülpt werden kann.
Eine Sprecherin und ein Sprecher lassen zuerst die Geschichten des Paares selbst, dann deren fiktionale Bearbeitungen aufleben. Es kommen sowohl die Versionen der zwei Beteiligten zu Wort als auch die jeweils vier Bearbeitungsvarianten der Liebesgeschichte von Außenstehenden. Aus dem rechten Kopfhörer schallt die Geschichte aus männlicher, aus dem linken aus weiblicher Perspektive.

Die unterschiedlichen plots der Liebesgeschichte fordern die AusstellungsbesucherInnen dazu heraus, Spuren einzelner Geschichten zu verfolgen und Stellung zu beziehen. Die BesucherInnen können nur entweder der Männer- oder der Frauenstimme lauschen, wenn sie die Geschichte verstehen wollen. Wer beiden Kopfhörern das Ohr leiht, versteht nichts, da sich die beiden Stimmen zu einem unverständlichen Gebrabbel vermischen.

„Plots“ evoziert komplexe Interaktionsprozesse zwischen Mann und Frau, die eine Beziehung führen. Beide geben augenscheinlich Auskunft über eine einzige Paarbeziehung, doch in ihren Worten wird offensichtlich, dass es sich nicht um dieselbe Beziehung handelt, wenn zwei Menschen darüber berichten. Zwar gibt es Übereinstimmungen zwischen den Darstellungen, doch werden auch Missverständnisse laut, ja, es existieren völlig unterschiedliche Einschätzungen derselben Situation. Selbst- und Fremdwahrnehmung können sich drastisch unterscheiden. Dies wird auch in den fiktionalen Bearbeitungen deutlich, die ihrerseits einen weiteren Rahmen der Fremdwahrnehmung abstecken, da sie die beteiligten Personen überhaupt nicht kennen und die Möglichkeit haben, Erzähltes nach Belieben auszuschmücken und umzuwerten. In dieser Arbeit treffen individuelle und kulturelle Wahrnehmungsmaßstäbe und Wunschkonstellationen besonders offensichtlich aufeinander. Die BetrachterInnen haben die Möglichkeit, zwischen den verschiedenen Darstellungen zu wählen, verpflichten sich damit aber fast zwangsläufig, Partei zu ergreifen.


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