300 Liebesbriefe VB, 2008
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Die Frau nimmt eine Mappe aus dem Karton. Darin befinden sich Zeitungsartikel aus Illustrierten zum Thema Liebe. Sie sagt mir, dass es sich bei der Sammlung nicht nur um die Briefe handle, die sie und ihr Geliebter einander geschrieben haben, sondern auch um den Briefverkehr, den sowohl sie als auch ihr Partner mit Psychologen hatten. Die oftmals selben Leserberater, deren Antworten sie ebenfalls aufbewahrt hatte, hätten sie beide aufgrund ihrer Artikel in den Zeitschriften „Neue Revue“, „Blick“ oder „Brigitte“ kontaktiert. Neben diesen zeigt sie mir eine Reihe von Anschreiben, aus denen hervorgeht, dass die Frau ihre Liebesbriefe bereits mehreren Romanautorinnen angeboten hat.
Ich erkläre ihr, wie gut ihre Kollektion zu meiner Arbeit Plots passe und dass ich sie der vor sechs Jahren fertiggestellten Installation gegenüberstellen möchte. Sie könne sich viel eher vorstellen, antwortet sie, dass ich die Skulptur eines Liebespaares mache und diese mit den Briefen beklebe. Diesen Wunsch aber, so erwidere ich, könne ich ihr nicht erfüllen – stattdessen wolle ich die Liebesbriefe unangetastet in ihrem Karton belassen und nur die Zeitungsartikel, die Korrespondenz mit Dritten sowie alle Schriftstücke ohne direkte Anrede herausnehmen und ausstellen. Die Frau ist enttäuscht, möchte mir die Briefe aber dennoch verkaufen. Denn außer mir, sagt sie, hätten sich nur noch zwei Männer mit zweifelhaften Absichten für ihre Liebesbriefe interessiert, und diesen wolle sie ihre Schätze nicht überlassen. Sie nennt ihren Preis, ich schlage ein. Ich nehme den Karton, verabschiede mich und gehe nach Hause. (A.B.)
























