300 Liebesbriefe VB, 2008

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„Ca. 300 Liebesbriefe VB“ lese ich unter Gesucht & Gefunden und eine Telefonnummer. Ich hole mein Handy aus der Tasche. Als ich anrufe, meldet sich eine Frau. Am Telefon will sie mir keine Auskunft über ihr Angebot geben. Nachdem ich ihr erkläre, dass ich Künstlerin sei, lädt sie mich ein, vorbeizukommen. Ich fahre zu der angegebenen Adresse und läute an der Tür. Eine vielleicht sechzigjährige, schlanke Frau mit platinblonden Haaren öffnet mir. Sie trägt eine weiße Jeans und einen weißen Kaschmirpullover mit Rollkragen. Am Ende des Flurs steht ein Weinkarton, den die Frau, wie sie sagt, kürzlich aus dem Keller geholt hat. Er enthält die annoncierten Liebesbriefe. Die Frau nimmt den Karton und geht ins Wohnzimmer, wo wir uns setzen. Der Raum ist ganz in Beige eingerichtet und sehr hell. Die Frau erzählt mir, dass es sich bei den Briefen um die Dokumente einer Liebesbeziehung zwischen einem verheirateten Mann und seiner Geliebten handle. Sie habe beide gut gekannt und die Briefe nach deren Tod aufbewahrt.

Ich sage ihr, dass ich 2002 eine Arbeit über Wahrnehmungsunterschiede anhand von Liebesgeschichten realisiert hätte und dass mich ihr Inserat aus diesem Grund interessiere. Die Frau bedauert, dass ich keine Schriftstellerin bin. Eigentlich hatte sie sich immer vorgestellt, die Briefe einer Autorin zu geben, damit diese daraus eine romantische Geschichte macht. Nun rückt sie mit der Wahrheit heraus: Es handle sich nicht um die Korrespondenz ihrer verstorbenen Freunde, sondern um ihre eigene. Über eine Annonce habe sie vor fünfundzwanzig Jahren einen wohlhabenden Geschäftsmann kennen gelernt, der, obwohl verheiratet, eine Freundin zum Ausgehen gesucht hat. Es wurde eine Beziehung daraus, die sich über fünfzehn Jahre hinzog. Es sei eine große Liebe gewesen, die vor zehn Jahren zu Ende ging.  weiter >

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